Gesundheit, Umwelt, Demokratie – und dann Silvester?
Es gibt Begriffe, die uns seit Jahren begleiten. Sie tauchen in Reden auf, in Kampagnen, in Verordnungen.
„Unsere Gesundheit“.
„Unsere Umwelt“.
„Unsere Demokratie“.
Große Worte. Wichtige Worte. Und dann ist da Silvester.
Ein Abend echter Ausnahmezustand
Einmal im Jahr gilt plötzlich anderes Recht. Lärm, Feinstaub, Müll, Verletzungen – alles konzentriert auf wenige Stunden. Was an 364 Tagen als Problem gilt, wird für einen Abend zur Tradition erklärt.
Ich frage mich: Wie passt das zusammen?
Gesundheit – selektiv gedacht
Gesundheit ist ein hohes Gut. Zumindest dann, wenn es politisch opportun ist.
Wir diskutieren über:
- Grenzwerte
- Feinstaub
- Lärmschutz
- Vorsorge
- Impfpflicht
- Prävention
Und dann gibt es diese Nacht, in der Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, alte Menschen, Kranke, Traumatisierte und Tiere schlicht mitgemeint werden – aber nicht mitgeschützt. Nicht, weil man es nicht besser wüsste. Sondern weil man es hinnimmt.
Gesundheit gilt.
Außer heute.
Umwelt – mit Ausnahmen
Plastikstrohhalme sind verboten. Verpackungen werden reguliert. Mülltrennung ist Pflicht.
Und gleichzeitig:
- Schwermetalle in der Luft
- Plastikreste auf Straßen und in Gewässern
- Wildtiere im Ausnahmezustand
Nicht aus Unwissen. Sondern aus Bequemlichkeit.
Umweltschutz gilt.
Außer heute.
Demokratie – wenn Rücksicht optional wird
Demokratie bedeutet eigentlich:
- Abwägung von Interessen
- Schutz von Minderheiten
- Rücksicht auf Schwächere
Silvester zeigt oft das Gegenteil.
Wer laut ist, setzt sich durch.
Wer empfindlich reagiert, soll „sich nicht so haben“.
Rücksicht wird zur Privatsache.
Vielleicht ist Silvester genau deshalb so hartnäckig: als Ventil. Als geduldeter Kontrollverlust. Als Ausnahme, damit der Rest des Jahres funktioniert.
Demokratie gilt.
Außer heute.
Warum das so bleibt
Die Gründe sind unbequem, aber real:
- Tradition schützt vor Debatte
- Handel und Industrie profitieren
- Verbote sind unpopulär
- Konflikte werden vermieden
- Einmal im Jahr „muss es halt krachen“
Konsequenz ist anstrengender als Symbolpolitik.
Mein Fazit
Es geht nicht darum, alles zu verbieten. Und auch nicht darum, Silvester abzuschaffen. Es geht um Ehrlichkeit.
Entweder:
Gesundheit, Umwelt und Rücksicht sind Werte, die immer gelten.
Oder:
Wir geben offen zu, dass sie situativ verhandelbar sind.
Was nicht zusammenpasst, sollte man nicht künstlich zusammenhalten.
Vielleicht ist genau das der Kern:
Nicht die Böllerei ist das Problem. Sondern der Widerspruch, den sich die Gesellschaft offensichtlich angewöhnt hat auszuhalten.
Zur Petition „Bundesweites Böllerverbot, jetzt!“


